Hallo ihr Lieben,

meine Zeit in Marokko neigt sich nun unweigerlich dem Ende zu und mal wieder ist die Zeit rasend schnell vergangen! Vor allem, weil die letzten Tage besonders ereignisreich waren und ich kaum eine Minute fand, den nahenden Abschied wirklich zu begreifen.

An meinem letzten Wochenende besuchte ich Chefchaouen, die blaue Stadt im Rif- Gebirge im Norden des Landes. Malerisch liegt das kleine Städtchen zwischen den schroffen Umrissen der Berge und zieht nicht nur ausländische, sondern vor allem auch inländische Touristen an. Gemeinsam mit Hannah, einer sehr netten, deutschen Studentin, die ich kurze Zeit vorher kennengelernt hatte, bestieg ich den Bus in Rabat und nach endlosen Serpentinen erreichten wir abends unser Hostel in der Medina. Es war klein aber gemütlich und morgens nahmen wir das Frühstück auf der Dachterrasse ein, die einen 360- Grad- Blick auf die von der Morgensonne in rötliches Licht getauchten Gipfel bot. An unserem ersten Tag folgten wir der allgemeinen Empfehlung und nahmen ein Taxi in das Dorf Akchour, das unterhalb des berühmten Wasserfalls dieser Region liegt und wanderten fast zwei Stunden, bis wir unser Ziel erreichten. Entgegen unserer Befürchtungen war der Weg um die Mittagszeit noch nicht von Wanderern bevölkert, sodass wir ungestört dem kleinen Trampelpfad folgen konnten, der uns durch die wunderschöne Tallandschaft führte. Immer am Fluss entlang, den wir auch ab und zu mithilfe von Betonklötzen überqueren mussten, ging es über Stock und Stein und vorbei an üppigen Sträuchern und Bäumen, deren Lianen fast an einen Dschungel erinnerten. Das Wasser war eiskalt und so kristallklar, wie ich es vorher noch nie gesehen hatte. In regelmäßigen Abständen waren am Ufer kleine Bars aufgebaut, wo um diese Zeit schon die ersten Tajines über dem Feuer garten und diverse Erfrischungen- ständig gekühlt durch das kalte Flusswasser- angeboten wurden. Insgesamt war deutlich zu bemerken, dass der Tourismus schon länger an diesem schönen Fleckchen Erde angekommen ist und sich aber auch vor allem an marokkanische Gäste richtet. Inländische Familienausflügler scheinen nur selten bis zum Wasserfall vorzudringen, wir sahen dort vor allem Ausländer und junge Marokkaner, die dort ihre Fitnesseinheiten bzw. Mutproben abhielten (Wer traut sich ins eiskalte Wasser?). Der Wasserfall an sich war eher ein Rinnsal, aber die ausgewaschenen Steine ließen klar erkennen, welche Wassermassen hier zur Zeit der Schneeschmelze herunterstürzen werden. Sowohl für den Auf- als auch für den Abstieg nahmen wir uns Zeit, um die Ruhe und Schönheit unserer Umgebung zu genießen, die nach jeder Talbiegung Abwechslung bot. Zurück in Chefchaouen erkundeten wir die wunderschöne Medina, deren engen Gassen meist hellblau angestrichen sind und ihr den Beinamen „die blaue Stadt“ verleihen. In jeder Gasse finden sich neue Details, etwa in den schmiedeeisernen Gittern oder in Form einer üppigen Topfpflanze. Als wir einen der unzähligen Stände passierten, an denen die Händler meist freundlich, aber weniger aufdringlich als in den Städten ihre Ware feilboten, machten wir die Bekanntschaft mit Zacki. Als er hörte, dass wir Deutsche seien, wechselte er zu perfektem Deutsch und erklärte, er habe von seinem 15. Lebensjahr bis vor einem halben Jahr in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg, gewohnt. Er erzählte uns, dass er schon ein amerikanisches Pärchen zum Abendessen eingeladen habe und bot uns an, doch dazu zu kommen. Überzeugt von seiner Ungezwungenheit und Offenheit sagten wir zu. Zacki kommt ursprünglich aus den Bergen des Atlas und führte von Kindesbeinen an Touristen durch die Berglandschaft. Einmal mit dem Fremden in Berührung gekommen, empfand er eine große Neugier, das Leben seiner Gäste dort drüben auf dem anderen Kontinent kennen zu lernen und mit Durchhaltevermögen, Charme, Glück und etwas Flunkerei, landete er einige Jahre später in Deutschland. Die ganze Geschichte erzählte er uns nicht, allerdings hat er in Deutschland noch eine Freundin mit kleiner Tochter, die ihn bald besuchen kommen werden. Er berichtete uns, er habe sich in letzter Zeit in Deutschland nicht mehr wohl gefühlt; verschiedenen Dinge, vor allem aber die Haltung gegenüber Ausländern, habe sich verändert. Ich weiß nicht, was ihn letztendlich dazu gebracht hat, in sein Heimatland zurückzukehren aber seine Schilderungen und Beobachtungen klangen ziemlich plausibel vor dem Hintergrund der wachsenden Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Vor allem im direkten Vergleich die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Marokkaner, die dem Fremden so ganz anders gegenüber treten: Neben uns und dem Pärchen war noch ein anderer Amerikaner dort und sowieso war es ein ständiges Kommen und Gehen. Ali- der Hausherr und ein Freund Zackis- versorgte uns mit Minztee und später mit einer köstlichen Tajine, die wir zu zwölft und auf dem Boden sitzend einnahmen. Es war solch eine ausgelassene Atmosphäre, voller interessanter Gespräche auf der Terrasse mit Blick auf die angeleuchtete Kasbah, ab und zu unterbrochen durch Trommelklänge aus dem Wohnzimmer und einem Misch- Masch aus verschiedenen Sprachen. Es war eine wunderbare Erfahrung und ich bin sehr dankbar, auf solch herzliche Menschen getroffen zu sein. Am nächsten Tag blieb uns nicht mehr viel Zeit, die Medina zu erkunden, denn schon bald brachte uns der Bus zurück in die laute Hauptstadt.

Tags darauf begann der erste Tag der zweitägigen Pré COP-Konferenz, auf der sich verschiedene Initiativen und NGOs der Region Rabat- Salé- Kénitra anlässlich der anstehenden Klimakonferenz in Marrakesch präsentieren. Unsere Organisation war mit einem Stand vertreten und trotz dem unermüdlichen Einsatz unseres Koordinators gab es doch immer wieder große und kleine (Kommunikations-) pannen, die unsere Gesamtpräsentation aber nicht allzu sehr eingeschränkt haben dürften. 😉 AMDEL fokussiert sich in Bezug auf Umweltschutz vor allem auf die Bildung und Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen, nicht nur durch pädagogische Spiele sondern vor allem durch kleine Aufklärungsvideos und seit neustem durch die Radiosendungen auf AMDEL Web TV, wo die junge Generation zu Wort kommt und selbst entscheidet, welche Themen besprochen und dem jungen Publikum zugänglich gemacht werden sollen. Außerdem wurde vor zwei Jahren in Kooperation mit der GIZ ein Müllanalyseprojekt durchgeführt, wo an verschiedenen Stellen Müll gesammelt und kategorisiert wurde; etwa um die Quelle der Verschmutzung deutlich zu machen oder das Plastiktütenverbot zu unterstützen. Unser Projekt während des pré COPs war ein Schätzspiel, wobei die Leute raten sollten, wieviel Liter Wasser durch einen tropfenden Wasserhahn in 24 Stunden verschwendet werden. Von 1 bis 30 Liter war alles dabei; tatsächlich waren es um die  6 Liter, die wir am Ende maßen… Die Konferenz diente einerseits den anwesenden Orgas dazu, Kontakte zu knüpfen und andererseits Teilnehmende und Besucher in Diskussionsrunden mit ausgewählten Gästen zu informieren. Der Konsens war logischerweise der gleiche, wie er auch bei uns herrscht: Klimawandel ist ein globales Problem mit globalen Konsequenzen und nur gemeinsam können Lösungen gefunden werden, die allerdings gerade noch teilweise in weiter Ferne liegen. Die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren ist ein erster Schritt, den die marokkanische Regierung mit dem pré COP in diese Richtung unternommen hat und auch wenn nicht alle Organisationen bahnbrechende Projekte verfolgten, machen viele Initiativen eine tolle Arbeit und kümmern sich darum, bürgernah zu agieren.

Und dann war am Ende des zweiten Konferenztages auch mein letzter Tag in Rabat/Salé angebrochen. Ich nutzte noch einmal aus, alle meine neu geknüpften Bekanntschaften und Freundschaften um einen Tisch zu versammeln und wir gingen gemeinsam libanesisch essen. Die Lebendigkeit, Herzlichkeit, Zugewandtheit und Mehrsprachigkeit, die ich in diesem Kreis noch einmal in vollen Zügen genoss, steht stellvertretend für meine Zeit in Marokko und ich werde auf jeden Fall eines Tages dorthin zurückkehren!

Salam aleikum

Eure Pauline

Erkundungen

Bonsoir et ahlan wa- sahlan,

durch die vergleichsweise lange Pause zwischen den letzten beiden Blogeinträgen folgt hier direkt der nächste, u.a. auch, weil nun meine letzten Tage hier angebrochen sind und ich nicht weiß, ob ich in all dem Trubel noch einmal Zeit zum Schreiben finden werde.

Das letzte Wochenende nutzte ich, um meine Umgebung etwas näher zu erkunden. Ich besuchte z.B. das brandneue Museum für moderne Kunst in Rabat, das nach dem Stifter- dem aktuellen König Muhammad V.- benannt ist. Schon beim ersten Anblick hatte mich die Architektur des viereckigen, weißen Gebäudes angesprochen, das mit seinen Säulengängen dem Mausoleum ähnelt, wobei die Ein- und Ausgänge großzügig verglast sind und einen ersten Blick in den westlich schlichten und eleganten Innenraum bieten. Das Museum war ziemlich leer und still- fast eine sterile Atmosphäre-, doch ab und zu begegnete ich bei meinem Rundgang weißen Touristen oder offensichtlich wohlhabenden Einheimischen also denen, die sich von solch einem kulturellen Angebot angesprochen fühlen. Die Ausstellung zeigte Werke marokkanischer Künstler des 20. Und 21. Jahrhunderts und war chronologisch aufgebaut. Dadurch wurde die Entwicklung deutlich, die Marokko als ehemalige französische Kolonie durchlaufen hat: Sah man Anfang des Jahrhunderts noch Einflüsse des westlichen Stils in Form von Realismus und Expressionismus, von Künstlern, die ihre Ausbildung in Frankreich genossen hatten, änderte sich die Darstellung mit der Unabhängigkeit. Auch wenn sich viele Künstler im Ausland ausbilden ließen, vermischten sie ihr Wissen mit ihren Wahrnehmungen, vor allem nach der Rückkehr in ihr Heimatland und entwickelten einen eigenen Stil. Und tatsächlich wurden die Ausstellungsräume immer bunter und farbenfroher und andere Motive wurden gewählt; etwa Menschenmengen und Minarette, aber auch kalligraphische Elemente. Besonders fesselte mich ein aus drei Teilen bestehendes Bild, auf dem eine verschleierte Frau zu sehen ist, deren Gewand aus dicht beschriebenem Papier besteht, das von zwei Frauen am anderen Ende mit weiteren feinen, verschlungenen Strichen produziert wird. Ich tue mich schwer, über Bilder zu schreiben, weil man es selbst gesehen haben muss, aber generell bemerkte ich einen anderen Zugang zu Kunst als den, den ich bisher in europäischen Museen kennengelernt habe.

Am Montag war muslimisches Neujahr, was erst zwei Tage vorher entschieden wurde. Der Grund dafür ist, dass der genaue Tag vom Mond abhängt. Erst, wenn die erste Sichel nach Neumond zu sehen ist, beginnt das neue Jahr- wir schreiben nun das 1438. Hiğra- Jahr. Besondere Feiertagsstimmung kam nicht wirklich auf, da es- wie mir gesagt wurde- eher ein Fest für die Kinder ist, die an diesem Tag kleine Geschenke erhalten, ähnlich wie bei uns an Weihnachten. Ich nutzte den freien Tag für einen Tagesauflug nach Ifrane, einer kleinen Stadt in den nördlichen Ausläufern des Atlasgebirges. Der auf 1600m ü. NN gelegene Ort ist ein beliebter Ferienort für die Marokkaner; im Sommer kommen die Städter aus dem nahegelegenen Fès zur Sommerfrische, im Winter gilt es als bekanntes Skigebiet. Der Schneefall erklärt auch das eigentümlich europäische Aussehen dieser rausgeputzten Kleinstadt: Anders als die typisch arabischen Flachdächer mit Dachterrasse, sind die Dächer wie bei uns spitzzulaufend und mit Dachschindeln bedeckt, um den Schneemassen besser Stand halten zu können. Ebenfalls untypisch marokkanisch sind die gepflegten Grünflächen und die sauberen Straßen. Auch der König besitzt ein kleines Palästchen in diesem Ferienort. Die „Krönung“ allerdings ist die Elite- Universität Al- Akhawiyn, deren Campus sich unweit vom Stadtzentrum erstreckt und ihren Studierenden für 20.000€ im Jahr die renommiertesten ProfessorInnen und Austauschprogramme mit den USA , Kanada u.a. bietet. Das Gelände lässt sich leider nicht besuchen, die Privatsphäre wird ja schließlich teuer bezahlt…  Auch wenn das herausgeputzte Ifrane nicht so ganz mein Geschmack ist: Die frische Luft und das viele Grün waren sehr erholsam im Vergleich zum Straßenlärm und – gestank in Rabat und Salé. Bekannt ist das Städtchen übrigens auch wegen seines sauberen, klaren Wassers und als wir an dessen Quelle vorbeikamen, tat ich mich direkt an dem kalten, frischen Wasser gütlich. Alles in allem, war es interessant, mal solch eine andere Seite von Marokko gesehen zu haben.

Auf der Arbeit konnte ich meine Beschäftigung mit den Wahlen leider nicht weiter vertiefen. Nach unserem Video, was die einzelnen Etappen eines Wahlgangs genau aufzeigt und was nun auch vor einigen Tagen geteilt wurde (zu finden auf Facebook unter Amdel Maroc bzw. Amdel Web TV; „Les Étapes de vote“), kümmern wir uns nun um die Vorbereitung des pré- COPs Anfang nächster Woche. Dabei handelt es sich um eine regionale Veranstaltung, bei der viele NGOs aus der Umgebung zusammen kommen, um sich und ihre Arbeit vorzustellen und im besten Fall dafür ausgewählt zu werden, beim Klimagipfel (COP) im November in Marrakesch teilnehmen zu dürfen. Unsere Organisation wird mit drei Ständen vertreten sein und neben der Vorstellung ihrer Arbeit auch verschiedene „pädagogische Spiele“ für Kinder anbieten, bei denen es um Mülltrennung, Kompostierung und Wasserverschwendung gehen wird. Dort werde ich größtenteils eingesetzt sein und berichte euch dann zu gegebener Zeit von unserer Arbeit dort.

Bis dahin liebe Grüße

Eure Pauline

Hochzeit und Hammam

Hallo ihr Lieben,

ein wesentlicher Grund, warum ich diesen Sommer unbedingt in ein arabisches Land wollte, war die Neugierde auf Anderes und das Kennenlernen einer Kultur, die ich im Studium zwar langsam kennen gelernt aber noch nicht erfahren habe. Besonders wichtig ist es für mich, den Islam nicht als frauenverachtende und radikale Religion zu generalisieren, wie es in Deutschland immer mehr der Fall ist, sondern als Teil eines (friedlichen) Alltags zu begreifen. Allein, dass ich das Gefühl habe, diesen Satz voranstellen zu müssen, zeigt schon, wie einseitig „unser“ Bild von „dem Islam“ in Deutschland geprägt wird und mir ist es ein großes Anliegen, diese Vorurteile zu reflektieren und neu einzuordnen bzw. zu widerlegen. Dazu möchte ich euch an dieser Stelle einfach ein paar Szenen aus dem Alltag eines muslimischen Landes schildern: Morgens, bei Sonnenaufgang, mittags und abends bei Einbruch der Nacht ruft der Muezzin zum Gebet. In Sidi Moussa- wo ich wohne- fallen die verschiedenen Gesänge wie im Kanon ineinander ein, sie sind allerdings bei weitem nicht so schön wie die Rufe des Muezzins einer großen Moschee, von dessen Minarett meist viel eleganter und kunstvoller zum Gebet eingeladen wird. Die Rezitation von Koranversen ist im Allgemeinen sehr verbreitet, es gibt extra Radiosender, wo tagein tagaus Suren in dem den meisten von euch bestimmt bekannten Singsang vorgetragen werden. In den arabischen Ländern gilt es als Kunst, die Sätze mit der richtigen Betonung, Modulation und Tonhöhe zu versehen. Es ist im Entferntesten mit unserer Kirchenmusik zu vergleichen, da das Wort aber eine sehr hohe Bedeutung im Islam hat (und Bilder keine Rolle spielen), wird die Stimme als akustisches und Kalligraphien als künstlerisches Element verwendet, um Gottes Größe zu loben. Das Gebet- ursprünglich fünfmal am Tag vorgesehen- muss längst nicht immer in der Moschee verrichtet werden, nur am Freitag, dem Ruhetag der Muslime, gehen alle Männer zum Mittagsgebet ins nächste Gotteshaus. Wo Platzmangel herrscht, werden auf der Straße Lautsprecher aufgestellt und Bastmatten ausgebreitet, sodass alle gemeinsam der Stimme des Vorbeters lauschen und beten können. Danach gibt es traditionell Couscous, eines der Nationalgerichte Marokkos und seeehr lecker! Die Gebetszeiten werden relativ ernst genommen, sodass man oft an verschiedensten Orten Gläubige beobachten kann, die ihre Gebetsteppiche ausbreiten, etwa im Wohnzimmer, aber auch auf der Raststätte oder im Grünen während eines Familienausflugs. Genauso alltäglich wie das Gebet sind kopftuchtragende Frauen, wobei alle Formen vertreten sind: Als Hijab; leger, modisch um dein Kopf geschlungen, kunstvoll festgesteckt, aber auch Niqab (wo nur die Augen freigelassen und manchmal sogar die Hände mit Handschuhen bedeckt werden) und ganz selten Burka, also Vollverschleierung. Gleichzeitig tragen viele Frauen, vor allem hier im Norden in den großen Städten, gar kein Kopftuch. Ich nehme es in Marokko nicht nur als Symbol der Frömmigkeit, sondern auch als modisches Accessoire wahr, etwa, wenn das traditionelle Gewand- Jellabah oder Kaftan- mit einem farblich dazu passenden Tuch kombiniert wird. Besonders eindrucksvoll war dies bei der kleinen Hochzeitsfeier, an der ich am Wochenende teilnehmen durfte. Das junge Paar hatte sich bereits schon vor vier Wochen in der Heimatregion des Mädchens vermählt, die große Zeremonie mit dem Hereintragen der Braut auf einer Sänfte und die Übergabe des Brautgeschenks habe ich also leider nicht mitbekommen. Stattdessen war es eine Art Nachfeier für die Freundinnen und Verwandten der Familie des Ehemannes. Ja, ihr habt richtig gelesen: Nur Frauen waren zu diesem Fest eingeladen und erschienen nach und nach im Wohnzimmer des Gastgebers; sie trugen aufwändig bestickte Kaftane in allen möglichen Farben und Schnitten und waren meist äußerst aufwendig zurechtgemacht. Doch keine kam an die Braut heran, die in ihrem cremefarbenen, mit bunten Strasssteinen bestickten Kaftan, dem fast puppenhaft geschminkten Gesicht und der aufwendigen Frisur mit Diadem wie eine orientalische Prinzessin aussah. Das Fest bestand maßgeblich aus Tanzeinlagen der Gäste. Um dies zu garantieren wurde ein Sänger angeheuert, der zum Playback scheinbar bekannter traditioneller Festmusik seine Stimme erhob und durch die beiden voll aufgedrehten und übersteuerten Boxen (diese Vorliebe scheint afrikanisch zu sein ;)) in dem geräumigen Wohnzimmer nicht zu überhören, geschweige denn zu übertönen war. Auch wenn ich nach dem Abend leicht taub war, kam ich tanztechnisch endlich mal wieder seit Benin voll auf meine Kosten. Die meiste Zeit schaute ich den Frauen jeden Alters zu, die- ich brauche es eigentlich nicht mehr zu erwähnen- trotz beachtlicher Körperfülle die Hüften schwangen und sich elegant zu den verschachtelten Trommeltönen bewegten. Natürlich musste ich auch mal ran und scheinbar hatte mein beninisches Jahr in dieser Hinsicht doch mehr Erinnerungen hinterlassen als gedacht und ich bekam viele anerkennende Blicke, auch wenn ich natürlich meilenweit entfernt von der Körperbeherrschung dieser Frauen bin. 😀 Nach dem Einzug der Braut, dessen Bräutigam sich auch kurz an ihrer Seite blicken ließ, bevor er der weiblichen Festgesellschaft wieder sich selbst überließ, begann das große Schlemmen. Zunächst wurden Becher mit frisch gepressten Säften und kleine silberne Pappteller mit einem Plastiktütchen verteilt. Auf meine Frage, was es mit diese Plastiktütchen auf sich habe, bekam ich nur zu Antwort, das sei für die Kekse, die im Folgenden rumgereicht und so später mit nachhause genommen werden würden. Tatsächlich kamen die Kellner und liefen einmal ringsherum (in Marokko ziehen sich die Canapés an den gesamten Wohnzimmerseiten entlang), wobei sich jede einen Keks nehmen durfte. Zwischendurch wurde der obligatorische Minztee serviert. Dieses Prozedere wiederholte sich mehrere Male und ich, die noch nicht ahnte, wie viele Runden es geben würde, begann an dem Sinn der Plastiktütchen zu zweifeln, wo die feinverzierten Leckereien doch so verführerisch aussahen und als kleine Häppchen serviert wurden. Doch spätestens nach der 7. Runde konnte ich nicht mehr, und das kunstvolle Gebäck wanderte in die Tüte. Insgesamt gab es ca. zwölf Runden, wobei manchmal zwei Sorten auf einmal serviert wurden. Gegen zehn Uhr abends wurden schließlich fünf runde Tische aufgestellt, worum sich jeweils zehn bis elf Frauen gruppierten. Auf großen Silbertabletts wurde der erste Gang- ein Meeresfrüchtemix mit Blätterteig überzogen- aufgetragen und jede begann von ihrer Seite des Tellers zu essen. Es folgten drei ganze Hühnchen als zweiter Gang und eine silberne Obstschale als Dessert, die einem griechischen Stillleben entsprungen zu sein schien. Mir gefiel die Atmosphäre mit den gut gelaunten, plappernden Frauen, die sich fürsorglich um die deutschen Gäste kümmerten und uns sehr zugewandt waren. Besonders der alten Gastgeberin schienen wir es angetan zu haben, denn sie schenkte jeder von uns einen ihrer Armreifen. Nach dem letzten Gang ging es dann gegen halb 12 nachhause; die richtigen Hochzeitsfeiern hingegen dauern die ganze Nacht.

Ein weiteres prägendes Erlebnis stellte mein erster Hammam- Besuch dar. Hammam bedeutet so viel wie öffentliches Bad und ist an fast jeder zweiten Straßenecke zu finden. Gegen ein kleines Eintrittsgeld erhält man Zugang zu drei hintereinanderliegenden, mit warmem Wasserdampf durchzogenen Räumen und je weiter man sich vom Eingang wegbewegt, desto wärmer wird es. Der erste Anblick scheint ist für naive europäische Augen vielleicht etwas irritierend: Überall auf dem gefliesten Boden sitzen oder liegen nackte Frauen, meist mit einem Arsenal Eimer um sich, aus dem sie das warme Wasser mit einer Schale schöpfen, um sich die verschiedenen Seifen und Peelings vom Körper zu waschen. Dabei gibt es wenig Berührungsängste oder gar Scham; der Rücken der Nachbarin wird ganz selbstverständlich eingeseift und abgeschrubbt und die jüngeren Frauen helfen den Alten, die sich nicht mehr gut alleine waschen können. Zwischen den Eimern springen kleine Kinder herum und Freundinnen und Nachbarinnen tauschen sich aus. Meine Begleiterinnen, zwei junge Mädchen in meinem Alter, machten mich mit den Hammam- Bräuchen vertraut und teilten bereitwillig die glibbrige Seifenmasse, das Peeling- was mich von der Konsistenz her an frischen Zement erinnerte- und Henna  mit mir. All diese Produkte sind natürlichen Ursprungs und wirken einige Minuten auf der Haut ein, bevor sie mit warmem Wasser abgespült werden. Danach kommt eine raue Version des Waschlappens zum Einsatz, mit dem kräftig und schwungvoll alte Hautlagen und Schmutz abgeschrubbt werden- sehr angenehm, auch wenn es sich vielleicht nicht so anhört! 😉 Nach dem Hammam- Besuch fühlte ich mich so sauber wie nie zuvor und war angenehm müde von der feuchten Hitze. Der Hammam gefiel mir auch deshalb so gut, weil er eine so andere Idee von Körper und Nacktheit verdeutlicht: Während in der westlichen Welt niemand schön genug sein kann und schon junge Mädchen anfangen, sich in ihrem Körper unwohl zu fühlen und spätestens als alternde Frauen Komplexe entwickeln, gehen hier auch die dicksten Frauen mit der soundsovielten Fettlage ins Hammam, ohne sich krampfhaft mit den Anderen vergleichen zu müssen oder sich zu schämen. Hammam hat etwas sehr Pragmatisches: Man geht hin, um sich zu säubern, es geht um das Waschen an sich und Nacktheit ist etwas von Grund auf Natürliches, sowohl in ihren dünnen, als auch dicken Ausprägung. Der Umgang mit dem eigenen Körper ist nicht so krampfhaft wie in westlichen Kulturen, wo sich im Extremfall ganze Identitäten um die perfekte Bikinifigur drehen.

Ihr seht, es gibt viel zu entdecken und mir wird es schwer ums Herz bei dem Gedanken, all das schon in gut einer Woche hinter mir lassen zu müssen… Weitere Berichte folgen bald!

Eure Pauline

Fes und Meknès: Zwei Königsstädte in zwei Tagen

Hallo ihr Lieben,

bevor sich das Gefühl einschleicht, ich würde nur reisen und nicht arbeiten, möchte ich euch über meine Tätigkeiten im Praktikum berichten. Wie bereits angedeutet, war das mit dem Arbeiten eine etwas komplizierte Sache und mir dämmerte es mit der Zeit, dass der September und Oktober 2016 nicht allzu sehr dazu geeignet sind, ein Praktikum in einer NGO (oder wie sie es hier nennen: Association) zu absolvieren. Die Gründe dafür sind zahlreich: Zunächst ist der August der allgemeine Ferienmonat und marokkanische Initiativen sind „afrikanisch genug“, um danach erst- doucement, doucement- die Arbeit wieder aufzunehmen. Außerdem wurde direkt nach den Ferien das Opferfest gefeiert; man ging also sozusagen von den einen in die anderen Ferien und die Büros meiner Association blieben die ganze Woche geschlossen. Als ich am Ende meiner zweiten Woche in Marokko voller Tatendrang im Projekt beginnen wollte, wurde ich von meinem Gastvater gebremst: Nach dem Fest ist vor der Einschulung und die meisten Frauen werden bis in den Oktober hinein damit beschäftigt sein, ihre Kinder in den Schulen einzuschreiben; was wiederum deswegen dieses Jahr so kompliziert ist, weil die staatlichen Einrichtungen alle Hände voll zu tun haben mit den Vorbereitungen der Parlamentswahl am 7. Oktober. Die Frauen, mit denen ich eigentlich gedachte zu arbeiten, werden nicht vor Ende September tatsächlich anwesend sein und zwei Wochen sind leider keine Zeit, um sich- über Sprachbarrieren hinweg- kennenzulernen. Nach der ersten Ernüchterung beschloss ich, die besondere Lage in Marokko für meine Zwecke zu nutzen: Wenn die Dinge im Land schon wegen der Wahl nicht ihren gewohnten Gang nehmen, dann sollte ich es ja auch ausnutzen, diese nur alle 5 Jahre auftretende Situation aus politikwissenschaftlicher Perspektive besser verstehen zu können. Über den Kontakt zu einem deutschen weltwärts- Freiwilligen arbeite ich nun seit einer Woche in einer kleinen Association namens „AMDEL“ und entwickle mit den MitarbeiterInnen dort ein Konzept zu einer Art Informationskampagne zur Wahl. Die Idee entstand aus meinem Eindruck, dass die Mehrheit der marokkanischen Bevölkerung kaum politisch interessiert und wenig demokratisiert ist. Da ich mich noch am Anfang meines Projekts befinde, liefere ich euch später eine genauere Einschätzung zum politischen System. Zentral ist jedoch, dass Marokko eine konstitutionelle Monarchie ist und der König nicht nur Staatsoberhaupt sondern gleichzeitig geistliches Oberhaupt des Landes ist. Die Rolle des Königs hat für mich etwas Schillerndes: Die meisten Marokkaner scheinen ihn wirklich zu verehren, er erfreut sich auf jeden Fall großer Popularität im Volk und leitet die Geschicke seines Landes weniger autoritär und liberaler als sein Vater Hassan II. Bekannt sind seine Zugeständnisse als Reaktion auf die Proteste während des Arabischen Frühlings und die Stärkung der Frauenrechte. Allerdings ist der König auch unantastbar und kaum einer außer den AktivistInnen würde es sich je trauen, ihn zu kritisieren. So fällt es mir im Gespräch mit Marokkanern schwer, mir ein differenziertes Bild zu machen. Vor allem bezüglich der Frage, inwiefern der König die stabilisierende Kraft in einer noch jungen Demokratie ist… Da unsere Kampagne sich aber in erster Linie auf die Parlamentswahlen fokussiert, geht es uns eher darum, die Menschen aufzufordern, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen. Es ist ein erster, kleiner Schritt, die Demokratiefähigkeit eines Volkes zu testen, das bis heute mit diesem System zu fremdeln scheint. Alle 5 Jahre präsentieren sich bis zu 30 Parteien und es ist allgemein bekannt, dass diejenige die Mehrheit der Stimmen erhält, die die meisten Wähler an die Wahlurnen bringt- und das geschieht meist durch Korruption. Dies ist eine mögliche Erklärung dafür, dass die islamistische Partei „für Gerechtigkeit und Entwicklung“ die letzten Parlamentswahlen 2011 gewann und die Wahlbeteiligung insgesamt sehr niedrig war. Ein weiterer Grund ist, dass das Wahlsystem sehr kompliziert ist und eine hohe Eigeninitiative von den Bürgern fordert, bis diese von ihrem Wahlrecht tatsächlich Gebrauch machen können. Wir achten bei unserer Arbeit darauf, dass wir klar informieren und nicht kritisieren- nicht nur, weil es uns in unserer Position als unausgebildete Ausländer nicht zusteht, sondern auch, um die Organisation nicht zu gefährden, die sich ihre politische Unabhängigkeit bewahren will. Ihr seht, es ist ein sehr spannendes und gleichzeitig sensibles Thema. Bald wird unser erstes Video: „Les Étapes de vote“ (Die verschiedenen Schritte des Wählens) veröffentlicht, ich werde euch dann zur gegebenen Zeit darüber informieren.

Das vergangene Wochenende nutzte ich erneut zum Reisen, diesmal allerdings alleine. Ich bestieg den Zug Richtung Fès, das ca. 200km entfernt von Rabat liegt. Fès gehört wie Meknès zu einer der vier Königsstädte Marokkos, zu denen außerdem Rabat und Marrakesch zählen. Ich fuhr zum ersten Mal ins Inland und sah am Fenster mal fruchtbare Felder, mal dürre, wüstenähnliche Hügel vorbeiziehen. Insgesamt wurde die Landschaft bergiger, die Ausläufer des Atlas-Gebirges machten sich bemerkbar. Auch Fès liegt inmitten einer Hügellandschaft, was man gut erkennen kann, wenn man eine der unzähligen Dachterrassen besteigt, von denen aus man einen guten Blick über die große Stadt erhält- oder eben mehrmals am Tag die abschüssigen Gassen der alten und riesigen Medina hoch- und runtersteigt. Letztere ist Teil des UNESCO- Weltkulturerbes und wirklich äußerst faszinierend! Auch wenn sich viele Touristen durch die engen Gassen schieben, bleiben die Marokkaner ihren Traditionen- wie so häufig- treu und regelmäßig muss man einem Lasttier ausweichen, das sich seinen Weg durch die Menschenmenge bahnt. Die Läden stellen vor allem Teppiche, Schmuck und Lederwaren aus, wofür Fès besonders berühmt ist. Tatsächlich kann man im Herzen der Medina von einer Terrasse aus den Gerbern bei ihrer anstrengenden (und stinkenden) Arbeit zu sehen: Die Tierhäute werden zunächst für zwei Wochen in einer aus „Taubenmist und Vogelkacke“ bestehenden Suppe eingelegt, wie mir der Ladenbesitzer mit einem Grinsen und seine wichtigsten Deutschkenntnisse hervorkramend, beschrieb. Anschließend werden sie ausgiebig gewaschen und danach für einige Tage in einem anderen Lehmbecken in einer aus ausschließlich Naturmaterialien bestehenden Farbe eingeweicht. Die teilweise kräftigen Farben sahen toll aus und das rege Treiben der arbeitenden Männer, die die gleiche Arbeit wie schon viele ihrer Vorfahren verrichteten, schien zeitlich losgelöst von den Betrachtern, die von oben auf sie hinunterblickten. Ein anderes Highlight sind die prächtigen Tore der ältesten Universität der Welt; der Qarawīyīn- Universität, die 859 gegründet wurde und leider nicht für Touristen zugänglich ist. Plötzlich tauchen ihre mit farbigen Ornamenten geschmückten Tore in den engen Gassen der Medina auf; es ist eine ganz andere Wirkung von Architektur, wenn sie nicht durch einen Platz o.ä. angekündigt wird, sondern dem Betrachter auf einmal ins Auge springt. Ähnlich beeindruckend sind die alten theologischen Schulen, Madrassa genannt: Man betritt den Innenhof, der sich auf einer Seite hin zu einem Gebetsraum, einer kleinen Moschee öffnet. Die marmornen Wände sind mit feinen Kalligraphien verziert und wenn man nach oben blickt, sieht man auf der Galerie die Fenster der kleinen (!) Zimmer, in dem die jungen Theologen unterkamen. Durch das Gassengewirr führte mich Amine, ein junger Marokkaner, der gebürtig aus Fès ist. Seine Bekanntschaft habe ich über Couchsurfing gemacht und nachdem ich eine Nacht in einem kleinen verwinkelten, aber sehr schönen und gemütlichen Hostel in der Medina geschlafen hatte, empfing mich am zweiten Abend Amines Familie mit großer Gastfreundschaft und Herzlichkeit in ihrer großzügigen Wohnung in der Neustadt. Amine ist wie seine beiden Eltern Architekt und hat 7 Jahre lang in Russland studiert. Tatsächlich hatte sein feines, spitzes Gesicht mit den dunklen Augen, etwas Russisch- Pathetisches/Sentimentales (wenn ich- die ihr Wissen über die russische Mentalität nur aus Romanen des 19. Jahrhundert bezieht- das so sagen darf ;)). Er war ein zuverlässiger, geduldiger und höflicher Begleiter, der mir eine Menge Orientierungsstress ersparte und diskutierte bereitwillig und ehrlich mit mir über Gott und die Welt- vor allem Politisches. Durch ihn lernte ich wieder eine andere Seite Marokkos kennen, nämlich eine gebildete und westlich orientierte Mittelschicht, deren Perspektive meist kritisch aber nicht ohne Lob auf die Mentalität des eigenen Volkes ist.

Am nächsten Tag wurde ich mit einem großzügigen Frühstück versorgt und nahm danach den Zug nach Meknès, was nur ca. 60km entfernt von Fès liegt und- obgleich viel kleiner- die alte Rivalin war. Im 18. Jahrhundert ließ Moulay Ismael hier eine große Palastanlage und ein prächtiges Mausoleum für seine Wenigkeit errichten, das hinter einem der berühmtesten Tore Marokkos liegt: dem Bab al- Mansour. Wie grausam und totalitär dieser Herrscher gewesen sein muss, lässt sich u.a. durch das Christengefängnis erahnen, das heute noch besichtigt werden kann und scheinbar unterirdisch fast die Fläche der Meknèser Medina umfasst. Da ich es nicht besichtigt habe, kann ich euch nicht von diesem gruseligen Ort berichten, dafür durchstreifte ich die Medina, die viel weniger touristisch als in Fès war und hielt mich lange im Museum Dar Jamaii auf, das damals von einem Wesir gebaut wurde und zwar nicht durch seine Größe, aber wohl durch seine verwinkelte Architektur und schönen Ausstellungsstücke besticht. Es war schöner als der weitläufige und protzige Sultanspalast in Fès und es gab prächtige Gewänder, Keramikkunst, einen dschungelartigen, durch lauten Vogelgesang kaum zu überhörenden Garten und einen im alten Stil ausgestatteten Salon. Die Wände waren aufwendig mit Stuck und farbigen Ornamenten geschmückt und große, feinbemalte Zedernholztüren trennten die verschiedenen Hausabschnitte voneinander. Einer der netten Museumsbeamten erklärte mir, dass die teilweise farbigen Fenster, die an die kleine Version eines Kirchenfensters erinnerten, ein Ausdruck von Wohlstand waren und sie die Farben der vier Königsstädte enthielten, um gleichsam die Nähe zur Macht auszudrücken: Grün für Meknès, blau für Fès, rot für Marrakesch und gelb für Rabat. Ich habe gemerkt, dass ich ein großer Fan von der orientalischen Bauweise bin: Sobald man durch das Eingangstor tritt, ist man wie in einer anderen Welt und neben den kühlen Räumen, die mit solch einer Ästhetik und Sinn für Détail ausgestattet sind, gibt es immer einen üppigen Garten mit einem Brunnen, gleichsam ein grünes Ruhepol. Dabei wirkt die Herrschaftlichkeit nie protzig und übertrieben, wie etwa der goldüberladene Barock, sondern immer bewusst eingesetzt. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass weniger Bilder sondern Kalligraphie und andere Kunstformen in der islamischen Kultur an erster Stelle stehen…

Nachmittags nahm ich den Zug zurück nach Salé, um noch rechtzeitig zum Jazzfestival in Rabat zu kommen. Leider war allgemeine Reisezeit und der Zug war so unfassbar voll, dass es eine sehr anstrengende und schweißtreibende Fahrt wurde, vor allem, weil der Zug dann sogar noch eine Stunde Verspätung hatte. Die Gepäckstücke stapelten sich bis ins Klo und in den Gängen war kein Zentimeter mehr Platz. Doch die Marokkaner reagierten mit der notwendigen Gelassenheit und Rücksicht aufeinander, weswegen auch ich die stressige Fahrt mit etwas mehr Humor nehmen konnte. 😉 Gerade noch so schaffte ich es zum „Jazz au Chellah“, ein von der EU gefördertes, viertägiges Jazzfestival in der Hauptstadt. Im Schatten der alten Lehmmauern des großen, alten Stadtparks- Chellah genannt- steht die Bühne und beherbergt jeden Abend europäische und marokkanische Jazzkünstler, die mal allein aber vor allem auch gemeinsam musizieren. Es war eine wunderbare, entspannte Stimmung und außergewöhnliche Ensembles entzückten das vorwiegend junge Publikum mit ihrem Können. Das Highlight war die Kombination von einer holländischen und einer marokkanischen Band:  Arabische Lauten- und Flötentöne mischten sich mit Flügel und Kontrabass, aber mein persönlicher Favorit waren der Schlagzeuger und der Trommler, die sich die Rhythmen hin und her warfen wie Ping-Pong- Bälle, sich gemeinsam steigerten und sich ineinander verschachtelten, um schließlich von dem virtuosen Trommler aufgelöst zu werden. Es war ein Fest, glaubt mir!

Nun liegt eine anstrengende Woche vor mir, aber ich bin gespannt, was sie bringen mag.

Eure Pauline

PS: Eindrückliche Fotos findet ihr auf der Fotoseite!

Tanger: Das Tor Marokkos

Hallo ihr Lieben,

am vergangenen Wochenende brach ich zusammen mit Melina, ihrem Freund Youssef und zwei ihrer Schüler, Simo und Anas,  zu meiner ersten größeren Reise auf. Wir fuhren mit Youssefs Auto über die leere Autobahn und kamen nach gut zwei Stunden in Tanger an. Es ist die nordwestlichste Stadt Afrikas und liegt an der Straße von Gibraltar, gegenüber der spanischen Küste. Tatsächlich kann man das europäische Festland am Horizont gut erkennen, nur ungefähr 14 Kilometer Mittelmeer trennt die beiden Kontinente hier voneinander. Bei diesem Anblick rangen verschiedene Empfindungen in mir: Wieder einmal wurde mir mein Privileg bewusst, rein theoretisch einfach eine der im Hafen vertäuten Fähren besteigen zu können, um in meine europäische Heimat zurückzukehren. Genauso gut könnte ich aber auch von Europa nach Marokko reisen, um dort Urlaub zu machen. Ich habe die Wahl. Den meisten der Menschen, die mir  auf der breiten Strandpromenade entgegenkommen, bleiben diese Optionen, diese Wahl, verwehrt. Unsere unterschiedlichen Pässe trennen zwischen denen, die sich frei zwischen den Kontinenten bewegen können und denen, die diese Mobilität nicht besitzen. Angesichts der zum Greifen nah erscheindenden spanischen Küste wirkt dies so unwirklich: Die Menschen können jeden Tag die Nähe des Kontinents, den die meisten von ihnen mit Hoffnung verbinden, spüren und sehen (in Tanger wird Spanisch gesprochen und einige Spanier kommen auch gerne für einen Tages- oder Wochenendausflug hierher) aber der Zugang zur anderen Seite bleibt ihnen verwehrt. Wenn ich mich in die Lage einer Person versetze, die gerne nach Europa möchte, würde ich es wie einen Hohn empfinden, so nah zu sein und es trotzdem als Ferne empfinden zu müssen. Es geht mir an dieser Stelle nicht explizit um ein politisches Statement oder eine Forderung, alle müssten immer und ungehindert Europas Grenzen betreten und verlassen können. Vielmehr geht es um das Gefühl einer tiefverwurzelten Ungerechtigkeit, die schon vor Jahrzehnten, vielleicht vor Jahrhunderten geschaffen wurde und die ich nun, aus der Perspektive der anderen Seite auch auf einer emotionalen Ebene nachvollziehen kann. Ich glaube, vielen von euch wäre es bei diesem Anblick ähnlich ergangen, trotz der medialen Abstumpfung durch die Flüchtlingskrise…

Wir kamen am Freitagnachmittag in der Stadt an und bezogen zunächst unser Appartement in einem der hohen Hotel- und Ferienhauskomplexe an der Strandpromenade. Es war eine sehr großzügige Bleibe, mit zwei Zimmern, zwei Bädern, einer großen Küche, Wintergarten und einem geräumigen Wohnzimmer mit Schiebetüren auf den Balkon hinaus. Von dort aus hatte man einen Blick über die gesamte Bucht von Tanger und das schimmernde Meer. Nach langen Verhandlungen mit dem feisten und äußerst unsympathischen Vermieter, der die Preise nach Lust und Laune anzuheben schien, einigten wir uns schließlich auf einen Preis, für den man in Europa nichts Vergleichbares erhalten hätte. Dazu muss erwähnt werden, dass unsere Auswahl in unserer Gruppenkombination ziemlich begrenzt ist: In Marokko werden Appartements meist nicht an junge Menschen unterschiedlichen Geschlechts vermietet, die unverheiratet sind. Auch wenn diese dahinter vermutete Problematik nur auf Youssef und Melina zutraf, dachte sich der Vermieter wahrscheinlich seinen Teil dazu, als er die Wohnung zwei weißen Frauen und drei marokkanischen Männern überließ… Wir ließen uns davon nicht beirren, sondern gingen zunächst an den Strand, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen. Als die Sonne weg war, wurde es schnell kühl und der Hunger trieb uns in Richtung Souk, wo wir uns für das Abendessen ausstatten wollten. Wir liefen die Gassen entlang und kauften Gemüse, Gewürze und Snacks an den verschiedenen Ständen. Der Gemüsestand war besonders schön anzusehen: Üppig stapelte sich die bunte Ware und von der Decke hingen zusammengebundene Zwiebeln herab. Den Gewürzstand wollte ich gar nicht mehr verlassen, verführerische Gerüche stiegen davon empor und vermischten sich, sodass nicht immer leicht zu erraten war, welcher Geruch zu welchem der farbintensiven Pulver gehörte. Bei unserem Einkauf stießen wir auf den zentral gelegenen, prächtigen und vor allem abends sehr belebten Platz des 9. April und hier wurde der Eindruck, der uns das ganze Wochenende begleitete, mal wieder verstärkt: Tanger wirkt wie ein mediterraner Ferienort mit wahlweise griechischen, französischen aber natürlich vor allem spanischen Einflüssen, doch wenn der Blick auf die Marktstände oder ein traditionelles Gewand bzw. auf eine vollverschleierte Frau fällt, erinnert man sich schnell, dass Spanien doch etwas weiter weg ist als gedacht… Zurück im Appartement kochten wir uns Abendessen und fielen nach einer ausgiebigen Monopoly- Runde ins Bett. Am nächsten Morgen war Frühsport angesagt und wir joggten am Strand entlang und genossen die wärmende Morgensonne. Als Belohnung sprang ich noch kurz ins ziemlich frische Mittelmeer, das mit seinem glitzernden Wasser allzu verlockend aussah. Anschließend fuhren wir mit dem Auto nach Tanger und gingen im legendären Café Hafa frühstücken. Es befindet sich in der Altstadt und direkt an der steilen Küste, sodass die Gäste sich auf 5 terrassenförmig angeordnete Ebenen verteilen können. Die mosaikverzierten Tische stehen an weißgetünchten Wänden und hinter der hellblau gestrichenen, niedrigen Brüstung schäumte einige Meter unter uns das tiefblaue Meer. Es war ein sehr idyllischer Ort und wir frühstückten ausgiebig, bevor wir uns auf den Weg zur Kasbah machten. Die Kasbah bezeichnet die Festung und somit den älteste Teil der Stadt. Man betritt sie durch eines der 3 Tore und ihre Gassen sind blau- weiß gestrichen, ähnlich wie in der Oudaya. Im Zentrum steht der ehemalige Sultanspalast, den man besichtigen konnte. Ich betrat das Innere durch ein schön verziertes Tor und kam bald darauf in den Innenhof der an jeder Seite von 5 weißen Säulen gestützt wurde in dessen Mitte ein Brunnen plätscherte. Die Räume, die unmittelbar davon abgingen, waren reich verziert mit kunstvoll bemalten Holzdecken und bunten Mosaiken. Schräg hinter diesem Teil des kleinen Palastes erstreckte sich ein von einer hohen und dicken Steinmauer umrahmter Garten mit Palmen, Bananenstauden und bunten Blumen. Auch hier stand wieder ein Brunnen in der Mitte und an den Seiten gab es immer wieder verschnörkelte, schmiedeeiserne Torgitter, die wenigstens einen Blick auf die für Besucher unzugänglichen Teile des Gartens erlaubten. Ich entdeckte an einer der Steinstufen sogar eine kleine Schildkröte, die erschrocken den Kopf einzog, als ich über sie hinwegstieg. Mir gefiel die ruhige Atmosphäre dieses Bauwerks und tatsächlich ist die Architektur so, wie man sie aus Erzählungen wie etwa 1001 Nacht kennt und vermutet. Den Informationstafeln entnahm ich, dass Tanger immer wieder stark umkämpft war und durch seine Lage zwischen zwei Kontinenten immer wieder andere Herren hatte; etwa von den Griechen über die Muslime hin zu den Portugiesen, die den Großteil der noch heute zu sehenden Festungsmauer errichteten. Nach einer ausgiebigen Siesta spazierten wir abends ein wenig durch das modernere Tanger und aßen in einem der unzähligen Restaurants zu  Abend. Am nächsten Tag verließen wir die Stadt vormittags und machten einen Abstecher zu der Herkulesgrotte, die einige Kilometer entfernt von Tanger liegt. Der Sage nach soll sich Herkules hier vor einer seiner Arbeiten ausgeruht haben. Äußerst spektakulär war dieser Ort nicht und man sah, dass die Höhle künstlich erweitert worden war. Die Attraktion jedoch war der Blick durch eine Öffnung hindurch aufs Meer, die die Form des afrikanischen Kontinents in gespiegelter Weise (also West- und Ostküste vertauscht) darstellte. Es soll von einem alten Stamm geschaffen worden sein, der vor langer Zeit hier ansässig war. Das Meer war ruhig und stand nicht allzu hoch, doch sogar die kleinen Wellen erzeugten ein Tosen, das von den steinernen Wänden widerhallte. An den Seiten der verschlungenen Höhlenräume waren Lichter angebracht, die schummriges Licht spendeten, einzig von der Öffnung drang Tageslicht hinein. Die Grotte war voll von aus- und inländischen Touristen, es wurden viele Selfies gemacht und spanische, knapp angezogene Mädchen schoben sich an Niqabträgerinnen vorbei, die in dem schummrigen Licht fast geisterhaft wirkten durch ihre verschleierte Silhouette. Zurück aus der Grotte fuhren wir zum nahen und ziemlich leeren Strand, wo ich mich ein wenig in den Wellen des sauberen, klaren Wassers treiben lassen konnte. Schon bald machten wir uns auf den Rückweg, der diesmal durch eine Autopanne etwas verzögert wurde. Zum Glück gibt’s hier im Vergleich zu Benin ein funktionierendes Versicherungssystem und außer dem Abschleppwagen kam ein Taxi, das uns wohlbehalten nachhause brachte.

Liebe Grüße und bis bald

Eure Pauline

Aїd kabīr: Das muslimische Opferfest

Hallo ihr Lieben,

leider verzögert sich der Beginn meines Projekts durch die Sommerzeit und das Opferfest ein wenig. Dafür kann ich euch nun ausführlich von diesem wichtigen muslimischen Ereignis berichten. Auf Arabisch wird zwischen dem „kleinen“ und dem „großen“ Aїd unterschieden. In Deutschland ist ersteres als Zuckerfest bekannt, das sich direkt an den Ramadan anschließt und mit viel Essen und Süßigkeiten begangen wird. Meine syrische Freundin hat mir am Zuckerfest z.B. Plätzchen mitgebracht, die wie unser Buttergebäck schmeckten, allerdings mit Sesam verfeinert waren und köstlich schmeckten! Das große Aїd hingegen heißt bei uns Opferfest und lehnt sich an eine religiöse Überlieferung im Koran an, die auch in der Bibel zu finden ist; die Opferung Isaaks. Für alle nicht 100% bibelfesten Leser eine kurze Erläuterung: Gott stellte Abraham auf die Probe und befiehl ihm, seinen Sohn Isaak zu opfern. Als er sich schweren Herzens dazu entschloss, gebot ihm ein Engel Einhalt, denn Abraham hatte durch die Bereitschaft, Isaak für Gott zu töten, bereits seine Gottesfurcht unter Beweis gestellt. Aus Dankbarkeit opferte Abraham im Kreise der Familie und Bedürftiger einen Widder für Gott. An dieser Handlung orientieren sich die Muslime und so schlachtet jede Familie, die es sich leisten kann, am Opferfest ein Schaf. Als ich bereits drei Tage vor dem Fest in Salé ankam, liefen die Vorbereitungen schon auf Hochtouren, vor allem der Schafmarkt. Tatsächlich gibt es in jeder Stadt verschiedenen Stellen, wo die Tiere auf engstem Raum gehalten und potentiellen Käufern ausgestellt werden. Ich begleitete meinen Gastbruder und meinen Gastvater zum Schafkauf, sie trafen eine sorgsame Auswahl und ließen 6 (!) Tiere zur Wohnung von Kassims Mutter bringen, wo wir das Fest im Kreise der gesamten Familie väterlicherseits begehen würden. Da das Opfer für Gott ist, versucht jeder im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten ein Tier bester Qualität zu ergattern. Familien, die es sich nicht leisten können, werden von den Nachbarn solidarisch unterstützt, entweder, in dem ein kleines Schaf gekauft wird oder sie etwas von dem Fleisch eines anderen Tieres geschenkt bekommen. Auch die Felle und Köpfe der Tiere werden den Bedürftigen überlassen, die dies wiederum zu Geld machen können. Die Ausrichtung des Fests orientiert sich also stark am letzten Teil der religiösen Überlieferung und an einer der fünf Säulen des Islams, wonach man einen Teil seines Eigentums an die Armen abgeben soll. Das Fest begann am Montagmorgen, mit dem feierlichen Gesang des Muezzins, der zum Festgebet aufrief. Dies ist ein wichtiger Teil für die Männer, die für das Schlachten zuständig sind und sich im Gebet darauf vorbereiten. Entscheidend ist, dass sich die Bewohner einer Stadt immer am Imam orientieren: Erst wenn dieser mit dem Schlachten begonnen hat, folgen die anderen Einwohner seinem Beispiel. In Rabat orientiert sich die Bevölkerung am König, dessen Gebet und der erste Schnitt durch die Kehle, sowie die sich daran anschließenden Verbeugungen des Hofstaats im Fernsehen übertragen und den ganzen Tag immer wieder gezeigt werden. Dem Brauch nach  „schlachtet“ der König (eigentlich macht er nur symbolisch den ersten Schnitt, die restliche Arbeit wird natürlich für ihn erledigt) ein Schaf für seine Familie und eins für die Bevölkerung.

Zum Frühstück liefen wir zur Mutter meines Gastvaters Kassim, ein paar Straßen weiter. Sie hat ein eigenes Haus mit 3 Etagen und einem Salon der genug Platz für die 14 Familienmitglieder bot, die sich hier versammelten. Er lag in der 3. Etage, direkt neben der Dachterrasse, wo die Schafe die letzten Tage ausgeharrt hatten. So lag alles praktischerweise nah beieinander: Der Ort des Schlachtens, die Küche und die große Tafel. Die Männer begannen unmittelbar nach unserem Eintreffen mit der blutigen Arbeit, wobei nicht jedes Familienoberhaupt schlachten kann. Wo es an Kenntnissen mangelt, übernimmt ein anderes Familienmitglied, etwa der ältere Bruder oder der Sohn, wie im Fall Kassims. Wichtig ist allerdings, dass jede Kernfamilie ihr eigenes Tier opfert, was sich bei uns durch die 5 Söhne der Großmutter schnell addierte. Sechs Mal an diesem Vormittag geschah folgender Vorgang: Das Schaf wurde aus seinem Stall in die Mitte der Terrasse gezerrt und dort auf die Seite gelegt. Mit einem langen Messer wird die Kehle fast ganz durchgeschnitten, wobei das Tier oft noch ein letztes Mal zuckt. Auf mein bestürztes Nachfragen wurde mir versichert, dass das Schaf beinahe sofort tot sei, auch wenn nicht der ganze Hals durchtrennt worden war. Das Schächten, also das Schlachten und Ausbluten ohne Betäubung, ist bei uns in Deutschland verboten, die deutschen Muslime müssen sich dafür eine Genehmigung erteilen lassen. Hier ist dieses Vorgehen normal und in fast jedem Haus werden an diesem Festtag mehrere Schafe geschlachtet. Nach dem Ausbluten wird das Fell abgezogen und der Kopf und die Beine abgetrennt. Der Kadaver wird dann anschließend an einen Haken gehängt und die Innereien werden entfernt. Der ganze Vorgang dauert etwa 30 Minuten, sodass die Männer nach ca. 3 Stunden fertig waren und überall auf der Terrasse tote Tierkörper hingen. Schon etwas skurril für meine deutsche Perspektive, aus der dieser blutige und doch eigentlich sehr alltägliche Vorgang stets hinter geschlossenen Türen stattfindet. Es dauerte dann auch nicht lange, bis die ersten Errungenschaften der vorangegangenen Arbeit dank den fleißigen Frauen auf dem Tisch landeten. Traditionell werden am ersten Tag des Festes die Innereien gegessen. Dabei wird die Leber in kleine Stückchen zerteilt und mit Fett umwickelt auf Spieße geschoben. Diese werden dann gegrillt und zwar im (!) Wohnzimmer. Als ich etwas überrascht und den beißenden Rauch schon in den Augen spürend nachfragte, warum man den Grill nicht auf der wenige Schritte entfernten Dachterrasse aufbaute, zuckte mein Gastvater mit den Schultern und meinte etwas in die Richtung „wir mögen es, wenn es ein bisschen raucht“, außerdem musste sich der Grillmeister nur einmal zur Seite drehen, um die Festgesellschaft mit Nachschub zu versorgen. Einige Stunden später gab es dann nach einer Essenspause noch Tajine, diesmal mit dem Fleisch des Schafs. Ich probierte zwar von allem ein bisschen, aber wirklich genießen konnte ich es nach dem Anblick am Vormittag nicht. Zwischen den Mahlzeiten gab es regelmäßig den berühmten Minztee für alle, wobei ich das Privileg genoss, mir mit Kassim den ungesüßten Tee teilen zu dürfen. Da er Diabetes hat, reduziert er seinen Zuckerkonsum weit unter den marokkanischen Durchschnitt. Am nächsten Tag gab es nach einem großen Aufräumen, Zerteilen und Abpacken der verschiedenen Körperteile erneut Innereien, irgendetwas aus dem Bauch, aber das war nun wirklich nicht mein Fall… Bei jeder der unzähligen Mahlzeiten versammelten sich die Familienmitglieder um zwei Tische und aßen von einem der schönen, großen Tajineteller. Ich mag diese Art zu essen, man fühlt sich ganz anders mit den Anderen verbunden und es gibt ein marokkanische Weise die besagt, dass man dem nichts Böses will, mit dem man von einem Teller isst. Ein netter Nebeneffekt ist außerdem, dass man weniger zu spülen hat. 😉

Wenn man in diesen Tagen durch die Gassen geht, hängt ein durchdringender Schafgeruch in der Stadt, an jeder zweiten Straßenecke gibt es provisorische Grillroste, auf denen die Köpfe vor sich hin kohlen, bewacht von Jungs, die sich dadurch einige Dirham dazu verdienen. Überall liegen Tierfelle herum, die allmählich von den Sammlern aufgehoben werden und die Straßen sind leerer als sonst, da alle Stände und Geschäfte für zwei Tage geschlossen bleiben. Es war eine spannende und interessante Erfahrung, das Opferfest mitzuerleben, aber genau genommen bin ich dann doch zu überzeugte Möchtegern- Vegetarierin (bzw. verweichlichte Deutsche) um dieser Tradition viel abgewinnen zu können…

Guten Hunger beim nächsten Lammkotelett wünscht euch

Eure  Pauline

Meine marokkanische Gastfamilie und Eindrücke aus Rabat

Salam ihr Lieben,

seit 5 Tagen wohne ich nun bei meiner Gastfamilie in Salé, der Schwesternstadt von Rabat. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen und fühle mich wohl in der neuen Umgebung, was in erster Linie meiner herzlichen Gastmutter und meinem offenen Gastbruder zu verdanken ist. Rhimo ist eine füllige, kleine Dame in ihren besten Jahren, die sich fürsorglich um alle Bewohner der Wohnung kümmert und gerne ihr strahlendes Lächeln zeigt. Sie spricht wie alle Familienmitglieder fließend Französisch, was hier in Salé zwar nicht selten, aber auch keine Selbstverständlichkeit ist (in öffentlichen Schulen lernen die Kinder fast nur auf Arabisch) und achtet darauf, dass es mir an nichts mangelt. Die beiden Ausdrücke, die sie am häufigsten gebraucht, sind „miskina“ und „ma shi muschqila“. Ersteres bedeutet sowohl „Arme“, als auch „Süße“ und wird von ihr oft als Kosename gebraucht, während letzteres schlicht „Kein Problem“ bedeutet; was Rhimos Mentalität ziemlich treffend zusammenfasst: Irgendwie wird schon alles gehen und möglich sein. Allerdings bedauert sie sehr, dass ich nur 6 Wochen bleiben werde. Sie arbeitet halbtags in einem schicken Kosmetikladen in Rabat und kümmert sich ansonsten um den Haushalt. Mein Gastbruder Alā` ist fast so alt wie ich, allerdings 1 ½ Köpfe kleiner. Er wohnt nur noch bis Ende des Monats hier und wird danach in der Türkei studieren. Alā` ist ein hilfsbereiter und herzlicher Mensch, der geduldig und bereitwillig auf meine Fragen eingeht; vor allem die gesellschaftlicher Art. An ihn wende ich mich, um etwa das Verhältnis zwischen Mann und Frau oder zwischen Tradition und Moderne zu verstehen. Er ist der Meinung, dass die junge Generation sich stark von der Elterngeneration unterscheidet und Marokko in seiner Mentalität und seinen Zielen umkrempeln wird. Er ist ein idealistischer Patriot, der seine Bildung- die er hier zunächst in einer Privatschule und bald in der Türkei erfährt- nutzen möchte, um seinem Land später dienen zu können und zu dessen Entwicklung beizutragen. Die herzliche, zugewandte Ausstrahlung hat er seiner Mutter abgeschaut, die er- wie den Vater- sehr verehrt. Als Nesthäkchen herzt er sie gerne und unterstützt Rhimo bei all ihren Bitten, ohne große Widerworte: Am Samstag, mitten in der Vorbereitungszeit für das Opferfest, hatte er Geburtstag, den er zum Großteil damit verbrachte, seine Mutter von einem Souk zum nächsten zu chauffieren und er beschwerte sich ihr gegenüber kein einziges Mal! Mein Gastvater Kassim ist ein hochgewachsener Herr mit einem gutmütigen und zugleich strengen Gesicht. Er ist der Gründer des Frauenzentrums, in dem ich hospitieren werde und arbeitet für den Staat, wo er das Amt des Direktors der „Maisons Jeunes“ dieser Region bekleidet, was ich mal frei als „Soziale Jugendzentren“ übersetze. Mit ihm bin ich noch nicht so oft in Berührung gekommen wie mit Rhimo und Alā`, aber trotz der Autorität eines Familienoberhaupts im ursprünglichen Sinne, scheint er das Herz am rechten Fleck zu haben und ich bin gespannt auf die Zusammenarbeit. Der ältere Sohn meiner Gasteltern- Muhammad- ist bereits Ende zwanzig und verheiratet. Seine Frau ist im achten oder neunten Monat schwanger, mit ein bisschen Glück werde ich also die Geburt des Kindes und das damit einhergehende Geburtstagsfest mitbekommen. Meine Gastfamilie wohnt im Viertel Sidi Moussa, nicht weit entfernt vom Meer und in der Nähe zu Rabat. Nach meinen ersten Eindrücken gehören sie eher zu den wohlhabenderen Familien in Sidi Moussa, gehören generell aber wahrscheinlich zur unteren Mittelschicht Marokkos. Die Wohnung ist nicht allzu groß, aber gemütlich und nur einen Stock von der großen Dachterrasse entfernt, die einen Blick über die anderen Dächer bis zum Meer bietet. Im Wohnzimmer und über dem Fernseher hängen arabische Kalligraphien von Koransuren, wo bei uns Bilder hängen würden und das Wohnzimmer wird- typisch marokkanisch- von einem Diwan-ähnlichen Sofa eingenommen, dass sich an den Wänden entlang zieht. Alā` hat mir bereitwillig sein Zimmer überlassen, das ich mir mit einem (etwas zu gestaubten ;)) Hometrainer teile. Ich bin sehr zufrieden damit, einzig an den bis spät in die Nacht andauernden Straßenlärm muss ich mich noch gewöhnen… An meinem ersten Abend in der Familie, nahm mich Rhimo mit zu ihrer Mutter, die nur einige Straßen weiter in einem kleinen Haus mit Blick aufs Meer wohnt. (Der Sonnenuntergang an diesem Abend war fantastisch, als die rote Sonne wie ein Feuerball langsam ins Wasser sank.) Als wir eintraten, machte ich die Bekanntschaft mit ihrer Mutter und der alten Großmutter, einem wirklich sehr alten Mütterchen, die ihren Platz in der Sofaecke den ganzen Abend nicht verließ. Nicht lange nach unserer Ankunft füllte sich das Haus, Rhimos Schwester und einer der Brüder kamen mit ihrer Familie zu Besuch, sodass neben dem einjährigen Amir noch bald zwei weitere Jungs durch das enge Wohnzimmer hüpften oder sich die Zeit mit ihrem geduldigen Cousin Alā` vertrieben. Am Ende des Abends waren ca. 13 Personen im Wohnzimmer versammelt und gefühlt alle 2 Stunden wurde etwas zu essen auf einem großen Teller aufgetragen, von dem sich bedienen konnte wer wollte. Zwischendurch standen verschiedene Familienmitglieder auf, um in der ruhigen Ecke des Wohnzimmers zu beten. Ich wurde sehr herzlich im Familienkreis aufgenommen und interessiert befragt. Als meine Begeisterung für traditionelle Trommelmusik bekannt wurde, ließ sich einer von Rhimos Brüdern, scheinbar Berufsmusiker, nicht lange bitten und trommelte mir- trotz Nierensteinbeschwerden- virtuos etwas auf einer schön verzierten Trommel mit einem Trommelfell aus Plastik vor. Bei regional bekannten Rhythmen fielen alle klatschend mit ein und ich starrte fasziniert auf die trommelnden Hände, die dem unnachgiebigen Material doch so viele verschiedene Töne entlockten. Es war eine sehr gelassene Stimmung und ich konnte nicht umhin, die Marokkaner für ihre großen Familien, die sich oft ganz selbstverständlich bei den Ältesten versammeln, zu beneiden. Hier ist zwar Zwist genauso an der Tagesordnung wie überall anders auch, aber der Zusammenhalt zwischen den Generationen scheint mir doch insgesamt stärker und durch die höhere Kinderzahl ist dann auch schneller mehr Leben im Haus.

Die letzten Tage vor dem Opferfest habe ich genutzt, um Rabat ein wenig zu erkunden. Mit den anderen deutschen Freiwilligen besuchte ich den Königspalast, der sich auf einem großen, von einer hohen und alten Lehmmauer begrenzten Gelände befindet, wo man nur mit dem Reisepass Zutritt erlangen kann. Äußerst spektakulär ist es nicht, da man sich dem Palast nur auf wenige Schritte nähern darf. Das mit Ornamenten verzierte und berühmte Eingangstor wird von der Königlichen Leibgarde, deren Uniform ihr auf meiner Fotoseite sehen könnt, und Soldaten bewacht. Dahinter erhebt sich verschachtelt das Palastgebäude, mit blassgelbgestrichenen Mauern und grünen Dächern, der Farbe des Islams. Diese findet sich auch in der Moschee direkt gegenüber wieder, die leider wie alle Moscheen für Nicht- Muslime unzugänglich ist. Auf dem Rückweg kamen wir an Sportplätzen und einer sorgfältig angelegten Häuseransammlung vorbei, wahrscheinlich für die Bediensteten des Königs; zumindest befand sich direkt daneben die nationale Hôtelerieschule… Abends gingen wir mit den Zuständigen unserer Organisation traditionell marokkanisch essen. Als wir eintraten, erwartete uns am Ende des Ganges ein lächelnder junger Mann, der jedem Gast aus einer großen, bauchigen Silberkanne Wasser in die offenen Hände schüttete und danach ein Tuch zum Trocknen reichte. Nachdem wir die engen Stufen erklommen hatten, fanden wir uns im aufwendig dekorierten Speisesaal wieder, der aus großen, mit Mosaik verzierten Tischen bestand, um die sich Diwane gruppierten, sodass jeder Tisch einer Großfamilie- oder eben einer Freiwilligengruppe- Platz bot. Die Speisekarte war durch unsere späte Ankunft leider stark eingeschränkt, aber die Tajines schmeckten trotzdem ziemlich gut. Beim Verlassen des Lokals schüttete uns der Junge am Ausgang einige Tropen Jasminwasser aus einem schlanken, silbernen Gefäß in die Hände, die danach wunderbar dufteten!

Am Samstag fuhr ich erneut nach Rabat, um mich mit Youssef zu treffen. Er ist ein junger Marokkaner, der nächsten Monat sein Studium in Deutschland beginnen wird und schon in Deutschland eine Art Tandempartner für mich war. Wir trafen uns unterhalb des Wahrzeichen der Hauptstadt, dem Hassanturm. Er steht auf einem Hügel Rabats und inmitten eines großen Platzes mit unterschiedlich hohen Säulen. An dieser Stelle sollte vor langer Zeit die größte Moschee der arabischen Welt erbaut werden, doch der Stifter, König Hassan I., starb vor der Fertigstellung, die von seinem Sohn nicht weiterverfolgt wurde. Einzig der halbhohe Turm, der heute als Minarett genutzt wird und der große Säulenplatz sind erhalten geblieben und lassen erahnen, wie riesig und prächtig dieses muslimische Gotteshaus hätte werden können. Heutzutage steht am anderen Ende des Platzes trotzdem eine Moschee, wenn auch nicht allzu groß. Hier entschuldigte sich Youssef kurz, um das Gebet zu verrichten und ich wartete im Schatten der Säulen auf ihn. Danach betraten wir das Mausoleum von König Muhammad dem V., das unmittelbar daneben liegt. Es ist ein fast quadratischer Bau mit Eingängen an allen vier Seiten, jeder von der Leibgarde des Königs bewacht. Im Innern findet man sich auf einer Galerie wieder, die Seiten sind mit bunten Kacheln, Kalligraphien und Ornamenten aus Blattgold verziert und jede Seite wird oberhalb des Eingangs von einer Koransure geschmückt. In der Mitte befindet sich einige Meter tiefer der große Marmorsarg von Muhammad dem V., an dessen Seiten schwer entzifferbare arabische Schriftzeichen eingelassen sind. Neben ihm sind auch König Hassan der I. und II. beigesetzt, allerdings etwas kleiner in zwei Ecken auf dieser unteren, mit roten Teppichen ausgelegten Ebene. Es herrschte eine sehr andächtige, feierliche Atmosphäre an diesem Ort. Anschließend gingen wir durch die Stadt bis zum Hafen und zur Oudaya hinauf, dem ältesten Teil Rabats. Die Oudaya ist eine alte Festungsstadt, die der Hauptstadt ihren Namen gibt (ar- ribāt= Festung) und heute sehr touristisch geprägt ist. Man betritt das Innere durch eines der drei Tore, die in die alten Lehmmauern eingelassen wurden. Auf der unteren Ebene gibt es einen kleinen, schön angelegten, blühenden Garten mit alten, prächtig verzierten Türen an den Seiten. Die weißgetünchten Gassen führen von dort aus immer höher hinauf und sind bis etwas über Kopfhöhe hellblau angestrichen, wegen der Nähe zum Meer, meinte Youssef. Die Gässchen waren sehr gepflegt und immer wieder erspähte ich eine alte, genietete Tür mit dem typisch maurischen Bogen, vor der nicht selten große, bauchige Blumentöpfe mit allerlei Pflanzen darin standen. Youssef führte mich durch das Gassengewirr zu dem Café der Stadt, was sehr verwinkelt direkt oberhalb der Mauer liegt und einen wunderbaren Blick aufs Meer und den Strand bietet. An kleinen blauen Tischen konnte man sich ausschließlich marokkanischen Minztee servieren lassen, der tatsächlich auch besonders gut schmeckte. Schließlich stiegen wir bis zur Aussichtsplattform hinauf, wo eine angenehme Brise herrschte und sich die orangerote Sonne bereits anschickte, unterzugehen. Es war wirklich sehr idyllisch und erinnerte mich irgendwie an diese pittoresken griechischen Dörfer, mit denen in Urlaubsbroschüren geworben wird. Am nächsten Tag schlenderte ich mit einer der Freiwilligen ausgiebig durch die alte Medina von Rabat, die- ihr ahnt es schon- ebenfalls von einer dicken Lehmmauer umschlossen ist. Das enge Gassengewirr erinnerte mich sehr an „meinen“ marché Ouando in Porto- Novo, allerdings war es hier sauberer und die Händler verzichteten darauf, ihre Waren auf dem Kopf durch die Menge zu tragen, sondern blieben lieber bei ihren Ständen. Es war sehr voll und man musste immer wieder achtgeben, den röhrenden Motorrollern Platz zu machen, ohne in die von der Decke herunterhängenden Waren zu stolpern. Der Souk ist so groß, dass er verschiedene Abschnitte hat; einen für Lebensmittel, einen für Kleidung, einen für Teppiche, Lederwaren und andere Dinge, die bei Touristen gut ankommen, usw. Besonders faszinierten mich die Gewürzberge mit ihren bunten, kräftigen Farben und die Olivenstände, wo die Ware aus 10- Kilo- Gefäßen abgefüllt wird. Bisher habe ich mich noch nicht dazu hinreißen lassen, den verlockenden Gerüchen und Anblicken nachzugeben, aber das Handeln und Feilschen wird mich wohl dann doch irgendwann in naher Zukunft überkommen.

In den nächsten Tagen werde ich euch vom Opferfest und meinen ersten Eindrücken in der Arbeitsstelle berichten.

Bis dahin liebe Grüße

Eure Pauline

Kénitra

Hallo ihr Lieben,

von Dienstag bis Donnerstag war ich in Kénitra, einer größeren Stadt einige Kilometer nördlich von Rabat. Dort lebt Youssef, der Freund von Melina, die mit mir in Münster Politik und Islamwissenschaft studiert. Sie hat ihren weltwärts- Dienst in Casablanca absolviert und kehrt nun in den Semesterferien regelmäßig nach Marokko zurück. Zurzeit macht sie ein Praktikum im Friedrich Rückert Institut, ein Sprachenzentrum, das in erster Linie Deutschkurse anbietet und sich an Studierende richtet, die ihr Studium in Deutschland fortsetzen wollen. Ich hospitierte zwei Tage bei ihr und lernte ihre Arbeitsstelle und ihre Studierenden kennen. Das Institut ist nicht besonders groß, aber es liegt zentral und in den Gängen herrscht eine freundliche Atmosphäre. Die Schüler und Schülerinnnen kommen jeden Tag und haben 5-6 Stunden Deutschunterricht bei verschiedenen Lehrern. Da das Niveau der meisten schon fortgeschritten ist, kann Melina viel inhaltlich arbeiten und mit ihnen diskutieren, was großen Anklang findet. An meinem ersten Tag sprachen wir über das politische System der Bundesrepublik Deutschland und über die Böhmermann- Affäre, um daran anknüpfend Meinungsfreiheit zu diskutieren.  Die Schüler berichteten, dass es auch in Marokko viel Meinungsfreiheit gebe und man die Regierungsmitglieder offiziell parodieren und kritisieren darf. Dies endet jedoch abrupt, wenn es um die Person des Königs geht; hier wird nicht der kleinste Witz geduldet und dem Aufsässigen drohen Strafen. So wurde etwa einem Kritiker des Königs die marokkanische Staatsbürgerschaft entzogen, während jener Mann bereits wohlweislich in Amerika lebte. Am zweiten Tag kamen weniger Studierende doch der „harte Kern“ ließ sich bereitwillig auf ein in Marokko unbekanntes und in Deutschland immer bedeutenderes Thema ein: Die Genderdebatte. Unser Ziel lag darin, sie über dieses Thema aufzuklären und dafür zu sensibilisieren weil es etwas sein wird, dem sie in Deutschland auf jeden Fall begegnen werden und sei es nur in Form eines „Binnen-Is“ in einem universitären Schreiben. Uns ging es weniger darum, normativ zu diskutieren, als vielmehr aufzuzeigen, wo die Ursprünge und Konfliktlinien verlaufen. Sie hörten gut zu und diskutierten eifrig mit, etwa als wir sie mit den Begriffen sexualisierte Werbung, soziales Geschlecht  und stereotypischen Geschlechterbildern konfrontierten. Ich merkte, dass sie zwar sehr offen waren, aber auch trotz unserer Ausführungen nicht allzu viel Verständnis für Gendermainstreaming aufbringen konnten. Eine Schülerin schloss sich mit ihrem Argument den deutschen Kritikern an, als sie meinte, all diese sprachlichen Bemühungen würden doch nur an der Oberfläche kratzen und das Kernproblem der Gleichstellung gar nicht an der Wurzel packen. Mir ist Melinas Klasse sehr sympathisch und man merkt ihnen ihre Motivation an, für ihr großes Ziel zu kämpfen, einmal in Deutschland eine Chance zu haben. Nicht nur Melina, auch Jeffrey, einer ihrer anderen Lehrer, versuchen sie nicht nur sprachlich, sondern auch thematisch darauf vorzubereiten, etwa, dass Religion und speziell der Islam andere Reaktionen hervorruft als in ihrem Heimatland. Für mich war es sehr spannend, diese andere Seite zu sehen. Nach meinem Empfinden wird über die Flüchtlingskrise vergessen, dass es seit jeher und auch in Zukunft Menschen gibt und geben wird, die sich lange darauf vorbereiten und sich qualifizieren, um in Deutschland zu arbeiten und sich zu integrieren; die nicht nur Schutz suchen sondern Bildung und getrieben sind von einer interkulturellen Neugier, wie sie mich bisher nach Benin und Marokko gebracht hat. Ich sage nicht, dass diese jungen Menschen nicht auch oder in erster Linie von materiellen Interessen getrieben sind, aber man sollte ihnen nicht absprechen, dass sie sich nicht auch für die deutsche Kultur interessieren können, so wie wir es für fremde Länder tun.

Neben Melina sind zurzeit auch zwei weitere Freundinnen aus Münster in Marokko, die durch das Land reisen. Passenderweise hielten sie sich auch gerade in Kénitra bei Melina auf und so genossen wir die Zeit zu viert. Am ersten Abend fuhren wir mit Youssef zum Strand und aßen Berge von Fisch in einem netten Restaurant mit Blick aufs Meer. Der Fisch ist natürlich besonders frisch und viel günstiger als in Deutschland. Zum Strand fuhren Magda, Esther und ich am nächsten Tag im Hellen: Es ist ein sehr flacher und feinkörniger Strand, der viele Menschen aus der Umgebung anzieht. Familien und Jugendliche tobten in den Wellen, die Frauen ab der Pubertät allerdings nur bekleidet oder im Burkini. Nur ein- oder zweimal sah ich eine marokkanische Frau im Bikini. Zwischen den Sonnenschirmen drängten sich die Händler durch und baten wahlweise Eis, Frittiertes oder marokkanischen Tee feil, was sie durch lautes- und nachdrückliches- Rufen ankündigten. Außerdem und für mich ein besonderes Erlebnis, war der Anblick von Kamelen und Shetlandponys: Die armen Tiere folgten ihrem Führenden bereitwillig durch die pralle Sonne, geschmückt mit bunten Sätteln, um die Umstehenden zu einem Ritt zu motivieren.  Bald kehrten wir in den Trubel der Großstadt Kénitra zurück und genossen einige Köstlichkeiten- etwa frisch gepresste Fruchtsäfte und Tajine. Am nächsten Morgen kehrte ich ins Büro nach Rabat zurück.

Soweit zu meinen Erlebnissen in Kénitra, heute lerne ich endlich meine Gastfamilie kennen und werde euch in naher Zukunft davon berichten.

Eure Pauline

 

Zurück in Afrika

Hallo ihr Lieben und Salam aleikum,

vor zwei Tagen bin ich wohlbehalten in Marokko angekommen. Gegen 18.00 Uhr Ortszeit erreichte ich den Flughafen in Casablanca und fuhr mit dem Zug in die Stadtmitte, wo ich von meiner Freundin Melina und ihrem Freund Youssef erwartet wurde. Mit dem Auto manövrierten die beiden mich und mein Gepäck durch den dichten Stadtverkehr auf die Autobahn Richtung Rabat, der Hauptstadt Marokkos und Sitz meiner Organisation. Ähnlich wie Cotonou in Benin ist Casablanca das wirtschaftliche Zentrum und die Metropole des Landes, doch das wesentlich kleinere Rabat ist- wie Porto- Novo- die offizielle Hauptstadt. Während wir über die dreispurige Straße rauschten, verglich ich die am Fenster vorbeiziehende Welt unmittelbar mit Benin, dem Afrika, das ich schon kenne. Ähnlich waren die Müllberge und das Elend in der Nähe der großen Verkehrsstraße: Kinder und Hunde streunten am Rande herum, hinter ihnen erhoben sich mehrstöckige, unverputzte, einfache Wohnhäuser und die Erde war rostrot. Auch der Verkehr, wo das Recht des Stärkeren gilt und die Händler und Bettler an den Ampeln waren kein neuer Anblick für mich. Und trotzdem fiel sofort ins Auge, dass Marokko ein Schwellen- und kein Entwicklungsland ist: Die Autos sind längst nicht so klapprig wie in Benin und die Infrastruktur ist viel besser ausgebaut, was für mich nicht nur an der mehrspurigen, beschilderten Autobahn, sondern vor allem an dem dichten Zugnetz deutlich wurde. Zudem ist es viel kommerzialisierter: Wir fuhren an Mc Donald´s und Ikea vorbei und passierten große Gewerbegebieten und Fabriken. In Rabat angekommen, brachte mich Melina in das Büro meiner Organisation, was entgegen meiner Erwartungen bis zum Ende der Woche mein Zuhause sein sollte. Der Grund dafür ist, dass der August in Marokko der Ferienmonat ist und nächste Woche das größte Fest der hiesigen Muslime- das Opferfest- stattfinden wird. In der Woche dazwischen bleiben einige Einrichtungen geschlossen und das Frauenzentrum, in dem ich arbeiten werde, gehört dazu. Deswegen komme ich erst Ende der Woche in meine Gastfamilie und verbringe die ersten Tage mit den deutschen weltwärts- Freiwilligen im zentral gelegenen Büro. Die Wohnung liegt im 3. Stock und hat neben mehreren Zimmern eine große Terrasse, wo sich das gemeinsame Leben abspielt. Organisiert werden diese Willkommenstage von einigen Verantwortlichen der Organisation, vor allem von jungen marokkanischen Männern und Sarah, der jungen spanischen Angestellten. Die Jungs bekochen die sieben Freiwilligen und versorgen uns mit dem typisch marokkanischen Minztee, der sehr intensiv und vor allem sehr, sehr süß schmeckt. Die Verhältnisse sind einfach und es leben viele Menschen auf engem Raum, aber vor dem Hintergrund meiner Benin- Erfahrungen und meiner sofort nach Landung aktivierten „Afrika- Entspanntheit“ kann ich gut damit umgehen. Vor allem, weil hier immer viel Leben und gute Stimmung herrscht. Das Programm lässt viele Lücken und auch die ungenauen Zeitangaben kommen mir nur allzu bekannt vor, aber sie geben sich trotzdem Mühe, vor allem mit dem Essen! Mein kulinarisches Highlight war meine erste Tajine, eines der marokkanischen Nationalgerichte, die in spitzhutähnlichen Gefäßen zubereitet und serviert werden. Dieses Rezept bestand aus Hühnchen, Zwiebeln und Rosinen, gewürzt mit Zimt und frischem Koriander. Es schmeckte wunderbar!

Heute Nachmittag erkundete ich ein wenig die Stadt mit zwei anderen Kurzzeitfreiwilligen. Wir spazierten Richtung Bahnhof und machten einen kleinen Abstecher in die Medina und später ans Meer. Das faszinierende an diesen Eindrücken ist ihre Diversität: Mit meinen noch ungeübten Augen versuchte ich die verschiedenen Impressionen unwillkürlich zu kategorisieren und mit meinen Vorstellungen abzugleichen. Viel Sinn hat das jedoch nicht, denn dafür ist es einfach zu  anders und vielschichtiger als alles, was ich bisher gesehen habe. Ich versuche mal, es euch ein wenig zu beschreiben: Als Hauptstadt und Sitz des Königs ist Rabat eine repräsentative Stadt. In der „Ville Nouvelle“ gibt es viele Regierungs- und Verwaltungsgebäude, die nicht selten durch Alleen und Prachtstraßen miteinander verbunden werden. Sie werden meistens von Uniformierten bewacht und ab und zu läuft man Soldaten über den Weg, die die Präsenz der Staatsgewalt demonstrieren. An den größeren Straßen gibt es Läden und Boutiquen, in den Seitenstraßen hingegen kleine, bis an den Rand vollgestopfte Kioske. Auf dem Bürgersteig der Alleen bieten Nord- und Schwarzafrikaner ihre Waren auf ausgebreiteten Decken feil und sitzen dabei oft gegenüber eines schicken Cafés, das eher an einen italienischen Urlaubsort, statt an eine marokkanische Hauptstadt erinnert. Die Gerüche in den Straßen vermischen sich zu einem wirren MIx aus schwerem Parfum, stinkenden Abgasen oder Abwasser und dem verführerischen Duft von frisch gebackenem. Die Straßen sind stets voll von Menschen (und Hunden und Katzen), die gemütlich spazieren oder sich zielsicher ihren Weg durch das Gedränge und den chaotischen Verkehr bahnen. Darunter sind alte Männer in langen Gewändern, die sich auf ihren Stock stützen, junge Frauen mit langen schönen Haaren und eng anliegenden Kleidern, die sich lachend mit der Freundin unterhalten, junge Pärchen- sie hat ihr buntschillerndes Kopftuch locker um den Kopf geschlungen- und ältere Ehepaare, bei denen manch eine Frau ihre Gestalt mit einer Niqab verhüllt. (Niqab ist ein arabischer Begriff für den Ganzkörperschleier, der die Augen freilässt.) Modernes trifft auf Traditionelles, typisch „Afrikanisch“ auf typisch „Westlich“. Etwa der laute Jahrmarkt an der breiten Uferpromenade, direkt unterhalb der ältesten Festung der Stadt. Beeindruckend war die Medina, also das alte Stadtzentrum der Stadt, das aus einem Gewirr an Marktgassen besteht, wo sich Stand an Stand reiht. Das Pendant zu den beninischen Stoffläden, die auf den dortigen Märkten bei jedem dritten Verkäufer zu finden sind, bieten in Rabat die Teppichläden; kleine, vollbehangene Läden, die sich nach hinten öffnen, um das breite Sortiment zu präsentieren. Dazwischen werden verschiedenste Köstlichkeiten angeboten, von Oliven über Frittiertem hin zu bunten Gewürzen. Ich wusste gar nicht, wohin ich zuerst schauen sollte. Hin und wieder wurde eine Moschee zwischen die Stände gequetscht, was meist durch die außen angebrachten Waschmöglichkeiten signalisiert wurde. Die Türen der Stände und die Moscheen sind mit Kacheln voller Ornamente geschmückt und immer wieder findet sich der typisch maurische Bogen, der auch auf meinem Titelbild zu sehen ist. Es waren sehr viele Eindrücke für meinen ersten richtigen Tag in Marokko und so fiel ich abends nach dem späten und erneut köstlichen Abendessen müde in mein Bett.

Die nächsten Tage werde ich mit Melina und zwei weiteren Freundinnen in Kénitra, in der Nähe von Rabat verbringen.

Liebe Grüße aus dem warmen Rabat,

Eure Pauline

Auf in ein neues Abenteuer

Hallo ihr Lieben,

vor drei Jahren habe ich an dieser Stelle über meinen Freiwilligendienst in Benin berichtet. Die Texte und Fotos aus dieser Zeit werden verfügbar bleiben und ihr könnt sie euch gere ansehen. Ich freue mich aber auch, wenn ihr meinen aktuellen Erzählungen über meine Zeit in Salé folgt! Vom 4.September bis Mitte Oktober werde ich dort ein 6- wöchiges Praktikum in einem Frauenzentrum absolvieren und in einer Gastfamilie wohnen. Salé ist die „Schwesterstadt“ von Rabat, der Hauptstadt Marokkos. Die beiden Städte trennt der Fluss Bou- Regreg, der dort unmittelbar in den Atlantischen Ozean mündet. Mein Bedürfnis nach Meer wird in diesem Jahr also gestillt werden und ich bin voller Vorfreude auf neue Entdeckungen, spannende Einblicke in das marokkanische Leben und die Vielfalt an Gewürzen und anderen Köstlichkeiten. Über eure Blogbesuche und Kommentare würde ich mich sehr freuen.

Liebe Grüße

Pauline